Ein Rückblick auf 40 Jahre Produktion in Heinsberg
27. Oktober 2026 | Blog
Als 1986 die erste Produktionslinie für Carbonfasern in Heinsberg-Oberbruch in Betrieb ging, wurde der Standort noch von Enka betrieben. Die damalige Kapazität von 360 Tonnen pro Jahr hat sich mittlerweile auf 5.100 Tonnen ausgeweitet. Auch sonst hat sich viel verändert. Eine Chronik.
Wer heute das Produktionsgelände in Heinsberg-Oberbruch betritt, findet vier Produktionslinien vor. Produziert werden hier Carbonfasern, thermoplastische Halbzeuge und trockene Verstärkungstextilien.
Dabei begann die Produktionsgeschichte in Oberbruch mit einem anderen Material: 1950 entsteht hier die erste große Synthesefaser-Anlage in Deutschland für Perlon. 35 Jahre später war Oberbruch der größte und effizienteste europäische Herstellungsbetrieb für Polyester-Filamentgarn. Wie kam also die Carbonfaser nach Oberbruch?
Von Bamberg über Japan nach Oberbruch
Das Wuppertaler Unternehmen Enka-Glanzstoff beschäftigte sich bereits in den frühen 1970er-Jahren mit faserverstärkten Kunststoffen. Zu dieser Zeit wurde es in das niederländische Chemieunternehmen Akzo eingegliedert, vier Jahre später kamen Aktivitäten mit Aramid hinzu. Auf das Thema Carbonfasern stieß ein Mitarbeiter 1977 bei einer VDI-Tagung in Bamberg. Schnell von dem technischen Potenzial überzeugt, entstanden schon im Folgejahr erste strategische Überlegungen zu Carbonfasern.
Daran erinnert sich auch Karlheinz Hillermeier, ehemaliger Entwicklungsleiter bei Teijin Carbon Europe: „Ich war schnell von der Kohlenstofffaser überzeugt, denn wir hatten schon die Schwächen im Druckverhalten bei Aramid in Verbundwerkstoffen nachgewiesen.”
Die nächsten Schritte folgten Schlag auf Schlag: Im Januar 1979 wurden die strategischen Überlegungen an den Akzo-Vorstand weitergeleitet, Ende April 1980 folgte die erste Reise nach Japan. Die Zusammenarbeit begann schließlich 1982. Bei der Standortentscheidung konnte sich Oberbruch gegen Obernburg und ein Werk in den Niederlanden durchsetzen.
Mit Tenax beginnt ein neues Kapitel in Heinsberg
In dieser Zusammenarbeit mit Toho Rayon übernahm Enka ab 1983 den Vertrieb der japanischen Carbonfaser „Besfight“ in Europa. Auf Basis des Know-hows von Toho Rayon sollte eine eigene Produktionsstätte für Carbonfasern in Deutschland errichtet werden. Die entsprechenden Verträge wurden im März 1983 unterzeichnet und 1984 folgte die Grundsteinlegung. Nach zwei Jahren Bauzeit nahm die Anlage 1986 ihren Betrieb mit einer Startkapazität von 360 Jahrestonnen auf und die ersten 60 Produktionsmitarbeitenden begannen ihre Arbeit in Oberbruch. Mit dem Produktionsstart wurde zugleich die Marke TENAX eingeführt, unter der die in Oberbruch hergestellten Carbonfasern vermarktet wurden.
Friedrich Karl Nau, seinerzeit Werksleiter von Enka Oberbruch, betonte damals schon den Innovationscharakter, der das Unternehmen noch heute prägt: „Wenn die Wirtschaftskraft einer Produktionsstätte und die Sicherheit der Arbeitsplätze erhalten bleiben soll, sind immer wieder technologische Neuerungen notwendig. Wir stehen heute vor einem bedeutenden Wendepunkt in unserer Werksgeschichte. Mit dem soeben vollendeten Kohlenstoffaser-Betrieb wird dem Werk Oberbruch eine moderne Produktionssparte hinzugefügt, die die hier gefertigten traditionellen Chemiefasern sinnvoll ergänzt und neue Absatzmärkte in technischen Anwendungsbereichen erschließen soll.“
Aller Anfang ist schwer
Technisch war das Unternehmen mit mehr als 50 Qualifikationen, vor allem in der Luft- und Raumfahrt, gut aufgestellt. Wirtschaftlich entwickelte sich das Geschäft dennoch zunächst langsamer als erwartet, da der Markt für Carbonfasern nur verhalten wuchs. Hinzu kam steigender Preisdruck, der durch Kürzungen in Flugzeugprogrammen, sinkender Nachfrage und Überkapazitäten entstand. Um im Geschäft zu bleiben, wurde eine weltweite Präsenz zunehmend als notwendig angesehen.
Deshalb wurden zum 1. Januar 1993 die Tenax-Aktivitäten an die neu gegründete Tenax Fibers GmbH & Co. KG übertragen. Toho übernahm zunächst 51 Prozent der Anteile, Akzo hielt 49 Prozent. Für die Werksmitarbeitenden am Standort änderte sich zunächst wenig: Die Carbonfasern wurden weiterhin unter dem Namen TENAX in Oberbruch produziert. Ziel war es, die Marktposition in Europa sowohl in der Luft- und Raumfahrt als auch in anderen Anwendungsgebieten zu sichern und auszubauen.
Mit der Inbetriebnahme der zweiten Produktionslinie 1998 stieg die Kapazität in Oberbruch auf rund 1.800 Jahrestonnen. Weitere Produktionsanlagen folgten 2006 und 2009, die die Kapazitäten auf insgesamt 5.100 Tonnen pro Jahr erhöhten.
Heinsberg heute: 40 Jahre Innovation und der Blick nach vorne
Heute arbeiten rund 400 Mitarbeitende im Werk, von Engineering über Qualitätsmanagement bis zu Buchhaltung und Logistik. Neben Carbonfasern werden auch Verstärkungstextilien und thermoplastische Halbzeuge produziert. Zusätzlich gibt es zwei Entwicklungslinien.
Was 1986 als neue Produktionssparte begann, ist heute ein wachsender Standort, der für Materialinnovationen und jahrzehntelange deutsch-japanische Zusammenarbeit steht. Damit knüpft er genau an den Gedanken an, den Friedrich Karl Nau schon bei der Eröffnung formulierte: Technologische Neuerungen bleiben die wichtigsten Voraussetzungen, um die Zukunft zu gestalten.
Historische Schwarz-Weiß-Aufnahme vom Bau der ersten Carbonfaser-Produktionslinie in Heinsberg-Oberbruch im Jahr 1984.