Tokio von oben
Endlich ist es soweit: Ich darf die Teijin-Zentrale in Tokio besuchen. Meistens ist dieses Privileg nur Abteilungsleitern und/oder Ingenieuren vorbehalten, schließlich ist es eine weite Reise und man nimmt keinen Zwölfstundenflug auf sich, um mal eben bloß „Hallo“ zu sagen. Dementsprechend bin ich dankbar, dass ich als Mitarbeiter im Kundenservice nun in den Genuss komme. So sitze ich am Flughafen und verirre mich in eine Wolke aus Gedanken und Fragen. Während meines Japanologie-Studiums verbrachte ich zwar ein Jahr in Japan, aber das ist lange her und damals war das Arbeitsleben nur eine kleine Schattierung am Horizont meines Gedankengemäldes.
Ist das Arbeiten in einem grauen Großraumbüro nicht von vornherein deprimierend und stressig?  Sind die Sitzungsräume fensterlos und luftfeuchtigkeitsgeschwängert? Wie nehmen mich die Kollegen auf, mit denen ich bisher nur elektronisch-akustischen Kontakt pflegte? Wird das Büro wie in einem jüngeren Godzilla-Film Opfer einer Attacke der gleichnamigen Riesenechse?

Willkommen
Solche Fragen sind meine fast zwölfstündigen Flugbegleiter. Als ich nach einem entspannten Flug den ersten Schritt auf japanischen Boden setze, stoße ich an eine Wand aus feuchter Wärme. Gut, denke ich, es hat sich hier nicht viel verändert. Bisher kannte ich Tokio kaum, die stetig dominanter werdenden Beton-Stahl-Glas-Massen während der Busfahrt vom Flughafen Narita zum Hotel betäuben mich. Wie Menschen all das in der kurzen Zeit seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges hochgezogen haben, rätselhaft. Die Büros befinden sich in einem Wolkenkratzer mitten im Regierungsviertel mit seinen Ministerien, dem Sitz des Ministerpräsidenten und dem Kaiserpalast (Foto aus dem 30. Stock). Hier schlägt das operative Herz Japans. Das Gebäude ist aufgebaut wie die meisten anderen dieser Art: Ein Kern aus Aufzügen, ummantelt von Korridoren, die zu den Großraumbüros am Rande führen. Die Aufzüge gleiten morgens und abends nur zwischen den wichtigen Etagen hin und her, damit es schnell geht. Nach dem Empfang des Gästeausweises in der Lobby im dreißigsten Stock gehe ich eine Etage tiefer, wo ich direkt sehr freundlich empfangen werde.

Bienenstock in grau?
Der Arbeitstag beginnt hier um neun Uhr, jetzt um kurz nach sitzen alle Kollegen bereits fleißig an ihren Schreibtischen. So stelle ich mir einen Bienenstock vor, hier ist es nur leiser. In Wuppertal haben die meisten Kollegen Einzelbüros, in Tokio hat jeder Mitarbeiter bloß einen kleinen Tisch, ohne zusätzliche Ablagefläche für einen Wackeldackel oder eine Wandfläche für Urlaubsbilder. Die Vorgesetzten eines Bereiches sitzen am Kopfende (Fensterseite) einer langen Reihe von Mitarbeitern. Ein paar Neuerungen wurden in der letzten Zeit aber durchgesetzt. So sitzen die Mitarbeiter nun nicht mehr gebeugt über einem kleinen Laptop, sondern haben einen stationären Bildschirm. Auch die Kleiderordnung hat sich etwas gelockert: Vor gar nicht allzu langer Zeit saßen die Kollegen hier noch in Anzug und Krawatte, wenn nicht offiziell „Cool Biz“ eingeläutet wurde, die Erlaubnis, das Sakko in den Schrank zu hängen und die Ärmel hochzukrempeln, wenn die Hitze draußen einem Lava-Bad gleicht. Heute gilt kein „Cool Biz“, aber trotzdem arbeiten die meisten Kollegen mit kurzen- oder hochgekrempelten Ärmeln und die Kolleginnen in Sommerkleidern. Das Büro ist zwar, meiner Vorstellung ähnlich, grau. Es ist aber kein drohendes Vorgewitterhimmel-Grau, sondern ein helles Die-Sonne-erscheint-gleich-Grau. Generell ist die Atmosphäre hier sehr entspannt, keiner brüllt oder meckert. Es wird in gedämpfter Lautstärke gesprochen, wie in Watte eingehüllt. Nachdem alle Mitbringsel aus Deutschland verteilt sind, widmen wir uns verschiedenen Besprechungen. Viele Dinge lassen sich von Angesicht zu Angesicht sehr gut klären.

Qual der Wahl
Die Mittagspause geht von zwölf bis eins und wird umrahmt von einem Gong, dem in japanischen Schulen ähnlich. Wir gehen etwas früher nach unten, weil ab zwölf Uhr die Aufzüge so voll sind wie die Züge zur Hauptverkehrszeit. Es gibt verschiedene Arten, seinen Hunger zu stillen: Essen mitbringen und aufwärmen, ins Restaurant gehen oder ein Lunchpaket bei einem der vielen Stände erwerben. Heute am ersten Tag sind ein paar Kolleginnen so nett und laden mich ein. Auf dem Weg nach unten unterhalten wir uns über Götter und die Welt und die schiere Auswahl an Restaurants ist beeindruckend. Wir entscheiden uns für ein Curry-Restaurant und begleiten die reichhaltige Mahlzeit mit Abrissen aus unseren unterschiedlichen Arbeits- und Lebenswelten. In den Pausen der nächsten Tage werden eine Kollegin und ich uns mit Bento-Lunchpaketen eindecken, die es für unter fünf Euro an den zahlreichen Ständen gibt und die meist sehr reichhaltig bestückt sind.

„Die Arme beugen, 1, 2 und 3, gut!“
Um dreizehn Uhr geht es, abermals akustisch begleitet, in die zweite Runde des Tages. Wir besprechen konkrete Fälle und es gibt einen Vortrag über die japanische Auffassung von Export-Kontrolle. Ich möchte dem Leser nicht die Müdigkeitstränen in die Augen treiben und springe nach fünfzehn Uhr. Alle anwesenden Mitarbeiter stehen auf und es ertönen sanfte Klavierklänge. Zwischen diese mischen sich ab und an japanische Anweisungen, zu denen die Kollegen eine Art gymnastisches Ballett aufführen. Die Gruppengymnastik hat den Zweck, die Glieder zu entspannen und den Kopf für die letzte Etappe freizubekommen. Hätten wir in Wuppertal keine Einzelbüros, wäre das eine sinnvolle Maßnahme für uns.

Zukunft
Zwei weitere Highlights gibt es noch. Erstens bekomme ich eine Führung im Teijin „Mirai Studio“. Mirai bedeutet Zukunft und namensgemäß werden hier Produkte und Konzepte vorgestellt, die Teijin für eine bessere Zukunft herstellt. Ich bin natürlich beeindruckt von den Bauteilen aus Carbon, wie zum Beispiel einem riesigen Fußbodenträger, der in einem Flugzeug für Stabilität sorgt. Noch interessanter finde ich aber Produkte, die ich vorher noch nicht kannte, wie etwa einen Kissenbezug aus Nanofaser, der allein durch Reibung zusammengehalten wird und dadurch beim leichtgängigen Öffnen und Schließen nicht verschleißt. Ein Segen für die Hotellerie! Auch wusste ich nicht, dass in einem japanischen Schnellzug Polycarbonat von Teijin verarbeitet ist: Ausgestellt ist eine Fensterfront, die eher in ein Flugzeug als in einen Zug passt.

Sushi und Schweißperlen
Mit diesem Gleis-Flieger darf ich dann auch zu einem weiteren Highlight jetten: einer Produktionsbesichtigung in unserem Werk in Mishima, südwestlich von Tokio am Rande des majestätischen Berg Fuji gelegen (Foto vom Bahnhof). Als wir ankommen, ist es Mittag und so gehen wir erst einmal in ein Sushi-Restaurant. Die Lage nah am Meer manifestiert sich in den großen und frischen Fischlappen, die sich grazil über ihre kleinen Reisbetten legen. Die Kollegen im Werk nehmen sich viel Zeit, mir alles zu zeigen und zu erklären. Bis auf die Palmen, die feuchte Hitze und die verschachtelte Enge in den Hallen ähnelt die Anlage ihrem deutschen Äquivalent sehr. Auch zur Rückfahrt kommt der Zug auf die halbe Minute pünktlich und landet zentimetergenau am Gleis, um alle bereits ordentlich in Schlangen eingereihten Passagiere aufzulesen.

Der Letzte macht das Licht an
Die offizielle Arbeitszeit geht bis viertel vor sechs und das wird, wie soll es auch anders sein, von einem Gong untermalt. Wir bleiben meistens bis viertel nach. Viele japanische Kollegen gehen auch um diese Zeit, manche bleiben länger. Ab sieben geht das Licht aus, um zu verhindern, dass nicht so viele Überstunden gemacht werden. Es kommt aber durchaus vor, dass wir bei Videokonferenzen erleben, wie jemand aus dem dunklen Sitzungsraum rennt und es einfach wieder anschaltet.

Wieder am Flughafen, haben sich die vorherigen Fragen in Eindrücke verwandelt. Viele seltsame Vorstellungen konnte ich korrigieren und in mein natürliches Wertesystem integrieren. Die Arbeitsweise und Atmosphäre sind in Japan anders, aber gar nicht so steif, wie ich erwartet hatte. Auch die Riesenechse Godzilla hat sich nicht blicken lassen. Anders als in einer neueren Verfilmung, in der unser Bürogebäude dem Erdboden gleichgemacht wird. Ich werde diese Eindrücke mit in meinen Alltag nach Wuppertal nehmen und denke, dass ich meine japanischen Kollegen nun besser verstehen kann. Jedem, der noch nicht in Japan war, kann ich übrigens eine Reise wärmstens ans Herz legen.   

Foto oben: Der Fuji-san in Mishima vom Bahnhof Mishima aus gesehen.
Foto unten: Blick aus dem Büro des Teijin-Headquarters in Tokio.